Cannabinoide ohne Hanf: 7 erstaunliche Funde

Titelbild: Cannabinoide ohne Hanf – 7 erstaunliche Funde

Wer an Cannabinoide denkt, denkt an Hanf. Jahrzehntelang galt die Cannabispflanze als einzige Quelle dieser Stoffe, und noch heute verbinden die meisten Menschen CBD, CBG oder THC ausschliesslich mit ihr. Doch die Natur haelt sich nicht an Lehrbuecher: Eine Strohblume aus Suedafrika, winzige Lebermoose aus Neuseeland und Japan, eine Alpenrose aus Nordostasien und sogar die schwarze Trueffel liefern Stoffe, die Cannabinoide sind oder ihnen erstaunlich nahekommen.

Dieser Ratgeber stellt dir mit Stand Oktober 2026 sieben erstaunliche Funde vor. Grundlage sind Fachveroeffentlichungen, unter anderem eine Studie des israelischen Weizmann-Instituts aus dem Jahr 2023, Arbeiten der Universitaet Bern und Eintraege der Chemie-Datenbank PubChem. Du erfaehrst, welche Pflanzen echte Cannabinoide bilden, welche nur chemische Doppelgaenger liefern und warum keiner dieser Funde den Hanf ersetzt.

Vorweg zur Einordnung: Es geht hier um Botanik und Chemie, nicht um Wirkungen. GreenLeafCBD macht keine Heil- oder Wirkversprechen. Unsere CBD Blueten und unser CBD Hasch sind Aroma- und Sammlerprodukte aus EU-Nutzhanf und nicht zum Verzehr bestimmt. Und eine Bitte gleich zu Beginn: Keine der hier beschriebenen Pflanzen eignet sich fuer Selbstversuche, einige sind sogar giftig.

Cannabinoide ohne Hanf: die 7 erstaunlichen Funde im Ueberblick - Strohblume, Lebermoos, Alpenrose, Suessholz, Pfeffer, Kakao und Trueffel

Warum Cannabinoide lange als Hanf-Monopol galten

Die Geschichte der Cannabinoide beginnt im Labor. 1940 isolierten Chemiker erstmals Cannabidiol, in den 1960er-Jahren klaerte die Gruppe um Raphael Mechoulam die Strukturen von CBD und THC auf. Wie das ablief, erzaehlt unser Beitrag zur Entdeckung des CBD. Seitdem wurden im Hanf mehr als hundert verschiedene Cannabinoide beschrieben, die meisten davon nur in Spuren.

Weil all diese Stoffe aus derselben Pflanze stammten, verschmolzen Begriff und Herkunft. Fachleute definierten Cannabinoide lange schlicht als die terpenophenolischen Inhaltsstoffe von Cannabis sativa. So formulieren es auch die Pharmakologen Juerg Gertsch, Roger Pertwee und Vincenzo Di Marzo in einem vielzitierten Uebersichtsartikel von 2010. Eine Pflanze, eine Stoffklasse, ein Monopol: So sah das Bild aus.

Dass dieses Bild Risse hat, ahnten Chemiker schon in den 1970er-Jahren. Bewiesen wurde es aber erst mit modernen Methoden wie der Sequenzierung ganzer Genome. Heute ist klar: Die Faehigkeit, Cannabinoide zu bilden, ist in der Natur mindestens zweimal unabhaengig voneinander entstanden.

Was Cannabinoide eigentlich sind: drei Definitionen

Bevor es an die Funde geht, lohnt ein Blick auf den Begriff, denn je nach Fachgebiet meint er Unterschiedliches. Fuer die Chemie sind Cannabinoide eine Stoffklasse mit typischem Bauplan: ein aromatischer Ring, der aus einer Polyketid-Vorstufe entsteht, verknuepft mit einer Terpen-Einheit. Wer so denkt, fragt nach der Struktur eines Molekuels.

Die Pharmakologie fragt dagegen, woran ein Stoff andockt. Sie zaehlt im weiteren Sinn alles zu den Cannabinoiden, was an die Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems bindet, auch wenn das Molekuel ganz anders aussieht. Gertsch und Kollegen schlugen 2010 vor, den Begriff Phytocannabinoide fuer alle Pflanzenstoffe zu verwenden, die entweder an diese Rezeptoren binden oder den Hanf-Cannabinoiden chemisch aehneln. Was es mit dem koerpereigenen System auf sich hat, erklaert unser Beitrag zum Endocannabinoid-System.

Die dritte Definition stammt aus dem Recht. Das Konsumcannabisgesetz versteht unter Cannabinoiden nach Paragraf 1 Nummer 1 KCanG Inhaltsstoffe von Cannabis, die sich an Rezeptoren des Endocannabinoid-Systems im menschlichen Koerper binden koennen. Juristisch sind Cannabinoide also an die Hanfpflanze gekoppelt. Wenn wir in diesem Artikel bei anderen Pflanzen von Cannabinoiden sprechen, meinen wir deshalb immer den chemischen oder pharmakologischen Sinn.

Das Bauprinzip: wie eine Pflanze Cannabinoide herstellt

Im Hanf beginnt alles mit zwei Bausteinen. Der eine ist die Olivetolsaeure, ein kleiner aromatischer Ring mit einer Seitenkette aus fuenf Kohlenstoffatomen. Der andere ist Geranyldiphosphat, eine Terpen-Einheit aus zehn Kohlenstoffatomen. Ein Enzym aus der Gruppe der Prenyltransferasen verknuepft beide zur Cannabigerolsaeure, kurz CBGA. Sie gilt als Mutter-Cannabinoid, denn aus ihr entstehen THCA, CBDA und CBCA.

Wie CBGA im Hanf weiterverarbeitet wird, beschreiben unsere Beitraege Cannabinoide im Ueberblick und CBDa und THCa. Fuer die Suche nach Cannabinoiden ausserhalb des Hanfs ist dieser Bauplan entscheidend: Wer aehnliche Bausteine mit verwandten Enzymen kombiniert, landet bei aehnlichen Molekuelen. Genau das ist in mehreren Pflanzengruppen passiert.

Gebildet werden die Stoffe im Hanf in Druesenhaaren, den Trichomen, vor allem an den Bluetenstaenden. Mehr darueber liest du im Beitrag ueber Trichome. Diese winzigen Druesen spielen auch bei mehreren der folgenden Funde eine wichtige Rolle.

Fund 1: Die Wollschirm-Strohblume aus Suedafrika

Der spektakulaerste Fund traegt den botanischen Namen Helichrysum umbraculigerum. Die schnellwuechsige, mehrjaehrige Pflanze stammt aus Suedafrika. Ihren englischen Namen woolly umbrella, wolliger Schirm, verdankt sie samtigen, senfgelben Bluetenstaenden in Schirmform. Sie gehoert zu den Korbbluetlern und ist damit mit Sonnenblume, Gaensebluemchen und Salat verwandt, mit dem Hanf dagegen nur sehr entfernt.

Ein Team um Shirley (Paula) Berman und Asaph Aharoni vom Weizmann-Institut in Israel untersuchte die Pflanze mit modernsten Methoden und veroeffentlichte die Ergebnisse 2023 in der Fachzeitschrift Nature Plants. Laut der Mitteilung des Instituts fanden die Forschenden mehr als 40 Cannabinoide in der Strohblume. Sechs davon sind mit Stoffen aus dem Hanf identisch, darunter das CBG. THC und CBD gehoeren nicht dazu.

Im Fachartikel nennen die Forschenden als Beispiel einen Gehalt von 4,3 Prozent Cannabigerolsaeure. Damit liefert die Strohblume ausgerechnet die Vorstufe, aus der im Hanf alle klassischen Cannabinoide entstehen. Den Stoff kannst du in der Datenbank PubChem unter Cannabigerolic acid nachschlagen. Mehr ueber CBG und seine Rolle liest du im Vergleich CBD oder CBG.

Das Institut erwaehnt ausserdem, dass die Pflanze in ihrer Heimat traditionell bei Ritualen verbrannt wurde. Fuer die Forschung war das ein Hinweis darauf, dass in ihr besondere Stoffe stecken koennten. Der eigentliche Beweis kam aber nicht aus der Volkskunde, sondern aus dem Erbgut der Pflanze.

Eine Berliner Entdeckung, die 44 Jahre warten musste

Ganz neu war der Verdacht nicht. Schon 1979 beschrieben der Chemiker Ferdinand Bohlmann und seine Mitarbeiterin Evelyn Hoffmann in der Fachzeitschrift Phytochemistry „Cannabigerol-aehnliche Verbindungen aus Helichrysum umbraculigerum“. Der deutsche Titel verraet die Herkunft: Bohlmann forschte in Berlin und beschaeftigte sich intensiv mit den Inhaltsstoffen von Korbbluetlern.

Doch der Befund geriet in Vergessenheit. Spaetere Untersuchungen konnten ihn laut Weizmann-Institut nicht bestaetigen, und so blieb die Strohblume lange eine Fussnote der Forschung. Erst das Team aus Israel bestaetigte die alte Beobachtung aus Berlin, 44 Jahre nach der Erstbeschreibung. Ein schoenes Beispiel dafuer, dass Wissenschaft manchmal einen langen Atem braucht.

Zwischendurch hatte eine italienische Gruppe um den Naturstoffchemiker Giovanni Appendino 2017 in der Zeitschrift Fitoterapia weitere sogenannte amorfrutinartige Phytocannabinoide aus derselben Pflanze beschrieben. Was es mit diesen Amorfrutinen auf sich hat, erfaehrst du weiter unten bei Fund 4.

Blatt statt Bluete: was die Strohblume anders macht

Der vielleicht wichtigste Unterschied zum Hanf betrifft den Ort der Produktion. Im Hanf sitzen die meisten Cannabinoide in den Trichomen der Bluetenstaende. Die Strohblume lagert sie laut Studie dagegen in den Druesenhaaren ihrer Blaetter ein. Das Weizmann-Institut sieht darin einen moeglichen wirtschaftlichen Vorteil, weil Blaetter laenger verfuegbar und leichter zu ernten sind als Bluetenstaende.

Spannend ist auch der Blick ins Erbgut. Die Forschenden sequenzierten das komplette Genom der Pflanze und rekonstruierten den Syntheseweg Schritt fuer Schritt. In der ersten Haelfte des Weges gehoeren die beteiligten Enzyme zu denselben Familien wie beim Hanf. Trotzdem hat die Strohblume sie nicht vom Hanf geerbt: Vergleiche der Gene zeigen, dass sich die Herstellung der Cannabinoide in beiden Pflanzen parallel entwickelt hat.

Die neu entdeckten Enzyme bauten die Forschenden anschliessend in Tabakpflanzen und in Backhefe ein und liessen dort Cannabinoide entstehen. Damit liefert die Studie nicht nur eine neue Quelle, sondern auch neue Werkzeuge fuer die Biotechnologie. Ob die Strohblume jemals in groesserem Stil als Rohstoff angebaut wird, ist offen.

Wichtig fuer Gartenfreunde: Aus dem Fund folgt nicht, dass auch andere Strohblumen wie das bekannte Currykraut solche Stoffe bilden. Die Studie hat gezielt Helichrysum umbraculigerum untersucht, und nur fuer diese Art sind die Ergebnisse belegt.

Fund 2: Lebermoose der Gattung Radula

Der zweite Fund fuehrt in eine Pflanzengruppe, die die meisten nur vom Waldspaziergang kennen: die Moose. Zu ihnen zaehlen Laubmoose, Hornmoose und Lebermoose, zusammen mehr als 20.000 Arten. Sie gehoeren zu einer sehr frueh abgezweigten Linie der Landpflanzen. Ihre Entwicklung trennte sich vor mehreren hundert Millionen Jahren von der der Bluetenpflanzen.

1994 isolierte ein japanisches Team um den Naturstoffchemiker Yoshinori Asakawa aus dem Lebermoos Radula perrottetii einen Stoff, der dem THC verblueffend aehnelt. Spaeter fand man ihn auch im Lebermoos Radula marginata und in einer weiteren Art, Radula laxiramea. Der Stoff heisst Perrottetinen und ist in PubChem unter Perrottetinene verzeichnet.

Radula marginata kommt nur in Neuseeland und Tasmanien vor. Die Pflanzen sind winzig und haben mit einer Hanfstaude aeusserlich nicht das Geringste gemein. Gerade das macht den Fund so bemerkenswert: Zwischen einem Lebermoos und dem Hanf liegen in der Evolution Welten, und trotzdem bilden beide fast denselben Stoff.

Perrottetinen: der spiegelverkehrte Verwandte des THC

Chemisch unterscheidet sich Perrottetinen in zwei Punkten vom THC. Erstens traegt es statt einer Seitenkette aus fuenf Kohlenstoffatomen einen Phenylethyl-Rest, also einen zusaetzlichen Benzolring. Fachleute sprechen deshalb von einem Bibenzyl-Cannabinoid. Zweitens sind die Ringe raeumlich anders miteinander verknuepft: THC liegt in der sogenannten trans-Form vor, Perrottetinen in der cis-Form.

Dass gerade Lebermoose die gespiegelte Variante bilden, ist kein Zufall. Sie erzeugen bei vielen Inhaltsstoffen die entgegengesetzte raeumliche Anordnung wie hoehere Pflanzen. Die vollstaendige Struktur des natuerlichen Perrottetinens wurde 2008 aufgeklaert. 2018 stellte ein Team der Universitaet Bern und der ETH Zuerich das Molekuel und seine trans-Variante im Labor her, um sie mit THC zu vergleichen.

Fuer die Forschung ist Perrottetinen vor allem deshalb interessant, weil es zeigt, dass die Natur denselben Grundbauplan auf ganz verschiedenen Wegen erfinden kann. Die Autoren der Berner Studie sprechen von konvergenter Evolution bioaktiver Cannabinoide im Pflanzenreich.

Warnung: Lebermoos als „Legal High“ aus dem Netz

Leider hat der Fund auch eine Schattenseite. Getrocknete Radula-Praeparate werden laut der Berner Studie im Internet als vermeintlich legale Rauschmittel oder als Raeucherwerk angeboten, obwohl es zu ihrer Pharmakologie lange keine Daten gab. Die Forschenden stuften Perrottetinen nach Versuchen an Maeusen als psychoaktives Cannabinoid ein. Nachlesen kannst du das in der frei zugaenglichen Originalstudie von 2018.

Fuer dich heisst das: Finger weg von solchen Angeboten. Niemand garantiert, was in einem Tuetchen Lebermoos aus dem Netz tatsaechlich steckt, wie viel Wirkstoff enthalten ist oder ob die Ware mit anderen Stoffen versetzt wurde. Das Muster kennst du vielleicht aus der Geschichte der Raeuchermischungen, die wir im Beitrag ueber Spice erzaehlen. Auch dort wurde harmlos klingende Ware zum ernsten Risiko.

Wie schnell rund um neue Stoffe ein Graumarkt entsteht, zeigt auch das Beispiel der halbsynthetischen Cannabinoide, das wir im Beitrag zum HHC-Graumarkt beschreiben. Legale, laborgepruefte Produkte erkennst du dagegen an Laborzertifikat, Impressum und klarer Herkunft.

Fund 3: Die Dahurische Alpenrose

Der dritte Fund ist ein Strauch, den du vielleicht aus Gaerten kennst, wenn auch nicht in dieser Art: Rhododendron dauricum, die Dahurische Alpenrose. Sie stammt aus Nordostasien. In ihren jungen Blaettern bildet sie die Daurichromensaeure, einen Stoff, dessen Bauplan an das Hanf-Cannabinoid CBCA erinnert.

Wie die Pflanze das macht, klaerte ein japanisches Team um Futoshi Taura 2017 in der Fachzeitschrift Plant Physiology. Das Enzym Daurichromensaeure-Synthase verwandelt eine Vorstufe namens Grifolsaeure in das fertige Molekuel. Der Reaktionsmechanismus aehnelt nach Angaben der Autoren teilweise dem der Cannabinoid-Synthasen aus Cannabis sativa. Der Unterschied: Statt einer Terpen-Einheit aus zehn Kohlenstoffatomen verarbeitet die Alpenrose eine laengere aus fuenfzehn.

Die Daurichromensaeure ist damit kein klassisches Cannabinoid, aber ein naher chemischer Verwandter, gebaut nach derselben Logik. Fachleute zaehlen solche Stoffe zu den Meroterpenoiden, also zu Molekuelen, die teils aus Terpenen und teils aus anderen Bausteinen bestehen.

Wichtig: Rhododendren gelten als Giftpflanzen. Blaetter, Blueten und sogar der Nektar koennen sogenannte Grayanotoxine enthalten. Aus der Entdeckung einer cannabinoidaehnlichen Saeure folgt also keinerlei Empfehlung, mit dem Strauch zu experimentieren, im Gegenteil.

Fund 4: Ein Suessholz mit Cannabis-Chemie

Lakritz kennst du, das Echte Suessholz vermutlich auch. Weniger bekannt ist sein wilder Verwandter Glycyrrhiza foetida, dessen Artname so viel wie stinkend bedeutet. 2023 untersuchte ein Team um die italienischen Naturstoffchemiker Giovanni Appendino und Orazio Taglialatela-Scafati die oberirdischen Teile dieser Pflanze. Im Journal of Natural Products berichtete es von neuen Phytocannabinoiden zweier Typen.

Sechs der neuen Stoffe gehoeren zu den sogenannten Amorfrutinen. Ihnen fehlt die typische Seitenkette des Hanfs, stattdessen tragen sie einen Phenylethyl-Rest, aehnlich wie das Perrottetinen der Lebermoose. Vier weitere Verbindungen entsprechen dagegen dem Cannabis-Typ mit klassischer Alkylkette. Eine Suessholz-Art bildet also Molekuele, die dem Hanf-Bauplan ziemlich genau folgen.

Ihren Namen haben die Amorfrutine vom Bastardindigo, botanisch Amorpha fruticosa, einem Strauch aus der Familie der Huelsenfruechtler, in dem sie zuerst beschrieben wurden. Auch hier gilt: Die Stoffe wurden im Labor isoliert und untersucht. Fuer den Alltag folgt daraus nichts, und schon gar keine Empfehlung, Pflanzenteile zu verwenden.

Fund 5: Pfeffer, Oregano und Zimt

Der fuenfte Fund steckt vermutlich in deinem Gewuerzregal. Er heisst Beta-Caryophyllen und ist eigentlich gar kein Cannabinoid, sondern ein Terpen, genauer ein Sesquiterpen. Laut einer Studie in den Proceedings of the National Academy of Sciences von 2008 kommt es in grossen Mengen in den aetherischen Oelen vieler Gewuerz- und Nahrungspflanzen vor, etwa in Oregano, Zimt und schwarzem Pfeffer.

Dass es trotzdem in dieser Liste steht, liegt an genau dieser Studie. Ein Team um Juerg Gertsch und Andreas Zimmer zeigte, dass Beta-Caryophyllen im Labor gezielt an einen der beiden Cannabinoid-Rezeptoren bindet, den sogenannten CB2-Rezeptor. Die Arbeit erschien unter dem Titel „Beta-caryophyllene is a dietary cannabinoid“, sinngemaess: ein Cannabinoid aus der Nahrung. Den Volltext findest du frei zugaenglich bei PubMed Central.

Wichtig fuer die Einordnung: Ein Molekuel, das im Labor an einen Rezeptor bindet, ist deshalb noch kein Cannabinoid im chemischen Sinn. Beta-Caryophyllen hat mit dem Bauplan aus Olivetolsaeure und Terpen-Einheit nichts zu tun. Es ist ein Duftstoff mit pfeffrig-wuerziger Note, den du in PubChem unter beta-Caryophyllene findest.

Und es schliesst den Kreis zum Hanf: Laut der Studie ist Beta-Caryophyllen auch ein Hauptbestandteil im aetherischen Oel von Cannabis. In der Natur tritt es oft zusammen mit Alpha-Humulen auf, das frueher Alpha-Caryophyllen hiess. Welche Terpene den Duft von CBD Blueten praegen, erklaert unser Beitrag Terpene erklaert. Warum Hanf ueberhaupt so intensiv riecht, liest du unter Warum riecht Hanf so intensiv?

Fund 6: Kakao und seine Fettsaeure-Verwandten

1996 sorgte eine kurze Mitteilung in der Fachzeitschrift Nature fuer Schlagzeilen. Ein Team um den Pharmakologen Daniele Piomelli berichtete unter dem Titel „Brain cannabinoids in chocolate“ von Stoffen in Schokolade, die mit dem koerpereigenen Anandamid verwandt sind. Anandamid gehoert zu den Endocannabinoiden, also zu den Botenstoffen, die der Koerper selbst herstellt.

Gemeint sind vor allem sogenannte N-Acylethanolamine, Abkoemmlinge von Fettsaeuren wie N-Oleoylethanolamid und N-Linoleoylethanolamid. Sie kommen laut dem Uebersichtsartikel von Gertsch und Kollegen nicht nur im Kakao vor, sondern auch in anderen Pflanzen. Den koerpereigenen Botenstoff selbst kannst du in PubChem unter Anandamide nachschlagen.

Einen Haken hat die Sache: Pflanzen bilden in der Regel keine Arachidonsaeure, das Fettsaeure-Geruest des Anandamids. Ihre Ethanolamide binden deshalb laut Gertsch nicht direkt an die Cannabinoid-Rezeptoren. Kakao ist also kein Lieferant pflanzlicher Cannabinoide, sondern eher ein entfernter Verwandter im Stoffwechsel. Populaere Schlagzeilen ueber Schokolade als heimliches Cannabis-Produkt greifen deshalb zu kurz.

Fund 7: Die schwarze Trueffel

Der letzte Fund ist streng genommen keine Pflanze, sondern ein Pilz: die schwarze Perigord-Trueffel, botanisch Tuber melanosporum. 2015 berichtete eine italienische Forschungsgruppe in der Fachzeitschrift Phytochemistry, dass Trueffeln Anandamid enthalten. Zusaetzlich fanden die Forschenden die wichtigsten Enzyme, mit denen auch Tiere Anandamid auf- und abbauen.

Die Rezeptoren, an die Anandamid bei Tieren bindet, fehlen der Trueffel dagegen. Die Autoren schliessen daraus, dass Anandamid und seine Enzyme in der Evolution frueher entstanden sein koennten als die passenden Rezeptoren. Und sie stellen eine reizvolle Hypothese auf: Anandamid koennte ein uralter Lockstoff fuer trueffelfressende Tiere sein, die ihrerseits mit solchen Rezeptoren ausgestattet sind.

Ob das stimmt, ist offen. Sicher ist nur: Anandamid ist ein Endocannabinoid und kein Phytocannabinoid. Die Trueffel zeigt aber, wie weit verzweigt die Familie der Cannabinoide und ihrer Verwandten in der Natur ist, bis hinein ins Reich der Pilze.

Weitere Kandidaten aus dem Labor: Sonnenhut, Karotte und Kohl

Neben den sieben Funden tauchen in Fachartikeln weitere Pflanzen auf, deren Inhaltsstoffe im Labor an Cannabinoid-Rezeptoren binden. Gertsch und Kollegen nennen in ihrem Uebersichtsartikel etwa Alkylamide aus dem Sonnenhut, botanisch Echinacea, das Falcarinol aus Karotten und anderen Doldenbluetlern, das Rutamarin aus der Weinraute sowie einen Stoff namens DIM, der aus einem Inhaltsstoff von Kohlgemuese entsteht.

All diese Stoffe sind chemisch keine Cannabinoide. Sie werden in der Fachliteratur als Cannabimimetika diskutiert, also als Stoffe, die Cannabinoide in bestimmten Laborversuchen nachahmen. Eine Bindung im Reagenzglas sagt allerdings nichts darueber aus, ob und was im Alltag passiert. Die Autoren selbst mahnen, molekularpharmakologische Daten zu Naturstoffen stets mit Vorsicht zu interpretieren.

Darum sind Karotte und Brokkoli trotz solcher Laborbefunde ganz normales Gemuese, und der Sonnenhut im Staudenbeet ist kein Ersatz fuer Hanf. Spannend bleibt die Botschaft dahinter: Das Endocannabinoid-System ist offenbar fuer viele Naturstoffe ein Anknuepfungspunkt, und die Grenzen der Stoffklasse sind weniger scharf, als man lange dachte.

Und der Hopfen? Der naechste Verwandte geht leer aus

Ausgerechnet der engste Verwandte des Hanfs taucht in keiner der Listen auf. Hopfen, botanisch Humulus lupulus, gehoert wie Cannabis zur Familie der Hanfgewaechse. Er bildet aber keine Cannabinoide, sondern vor allem Bittersaeuren und Aromastoffe, die beim Bierbrauen geschaetzt werden.

Das zeigt, wie wenig Verwandtschaft ueber die Chemie verraet. Die Strohblume ist mit dem Hanf nur entfernt verwandt und bildet trotzdem Cannabinoide, der Hopfen ist ein naher Verwandter und bildet keine. Immerhin teilen die beiden Hanfgewaechse einen Duftstoff: Das Alpha-Humulen ist nach dem Hopfen benannt und steckt auch in vielen Hanfsorten.

Cannabinoide aus der Hefe: Biotechnologie statt Acker

Die vielleicht folgenreichste Form von Cannabinoiden ohne Hanf entsteht gar nicht in der freien Natur, sondern im Bioreaktor. 2019 berichtete ein Team um den Biochemiker Jay Keasling von der University of California in Berkeley in Nature, dass Backhefe die wichtigsten Hanf-Cannabinoide vollstaendig selbst herstellen kann, ausgehend vom Zucker Galaktose.

Dafuer bauten die Forschenden Gene aus der Hanfpflanze und aus anderen Organismen in die Hefe ein. Am Ende produzierten die Zellen unter anderem CBGA, THCA und CBDA sowie Varianten mit kuerzerer Seitenkette. Sogar Cannabinoide, die in der Natur gar nicht vorkommen, liessen sich auf diese Weise erzeugen.

Auch das Weizmann-Institut nutzte fuer seine Strohblumen-Studie Hefe, um die neu entdeckten Enzyme zu testen. Fuer Labore und Industrie eroeffnet das neue Wege, Cannabinoide gezielt herzustellen. Wie neuartige Stoffe in Lebensmitteln rechtlich eingeordnet werden, erklaert unser Beitrag zu CBD und Novel Food.

Warum dieselben Molekuele mehrfach entstehen

Wenn nicht verwandte Lebewesen unabhaengig voneinander dieselbe Loesung finden, sprechen Biologen von konvergenter oder paralleler Evolution. Ein bekanntes Beispiel sind Fluegel, die bei Voegeln, Fledermaeusen und Insekten jeweils eigenstaendig entstanden sind. Bei den Cannabinoiden zeigen die Strohblume und die Lebermoose dasselbe Muster auf chemischer Ebene.

Warum Pflanzen solche Stoffe bilden, ist noch nicht abschliessend geklaert. Das Weizmann-Institut vermutet Schutzfunktionen gegen Tiere oder Umweltgefahren. Asaph Aharoni formuliert es so: Dass zwei genetisch nicht verwandte Pflanzen unabhaengig voneinander die Faehigkeit entwickelt haben, Cannabinoide herzustellen, deute darauf hin, dass diese Stoffe wichtige oekologische Funktionen erfuellen.

Fuer die Forschung ist das eine gute Nachricht. Wenn die Natur denselben Bauplan mehrfach hervorgebracht hat, lohnt sich die Suche in weiteren Pflanzengruppen. Bioprospektion nennt man diese systematische Suche nach neuen Naturstoffen, und Cannabinoide gehoeren derzeit zu ihren spannendsten Zielen.

Die 7 Funde im Ueberblick

Nicht jeder Fund ist gleich viel wert, wenn es um echte Cannabinoide geht. Die folgende Tabelle ordnet die sieben Funde danach, ob es sich um Cannabinoide im engeren chemischen Sinn handelt, um nahe Verwandte oder um Stoffe, die nur an dieselben Rezeptoren andocken.

Fund Organismus Stoff Einordnung
1 Wollschirm-Strohblume (Helichrysum umbraculigerum) CBGA, CBG und ueber 40 weitere echte Cannabinoide
2 Lebermoose (Radula) Perrottetinen Bibenzyl-Cannabinoid, naher Verwandter
3 Dahurische Alpenrose (Rhododendron dauricum) Daurichromensaeure cannabinoidaehnliches Meroterpenoid
4 Suessholz-Art (Glycyrrhiza foetida) Amorfrutine und Cannabis-Typ teils echte Cannabinoide
5 Pfeffer, Oregano, Zimt Beta-Caryophyllen Terpen mit Rezeptorbindung
6 Kakao (Theobroma cacao) N-Acylethanolamine Fettsaeure-Abkoemmlinge
7 Schwarze Trueffel (Pilz) Anandamid Endocannabinoid

Unterm Strich bilden nur zwei der sieben Organismen nachweislich Cannabinoide nach dem klassischen Hanf-Bauplan: die Strohblume und die Suessholz-Art. Lebermoose und Alpenrose liefern enge chemische Verwandte, die uebrigen drei Funde zeigen die Vielfalt rund um das Endocannabinoid-System.

Was das rechtlich bedeutet

Rechtlich ist die Lage zumindest fuer das Konsumcannabisgesetz ueberraschend klar. Weil es Cannabinoide als Inhaltsstoffe von Cannabis definiert, fallen Stoffe aus Strohblume, Moos oder Pfeffer nicht unter diesen Begriff. Das heisst aber nicht, dass mit ihnen alles erlaubt waere. Je nach Stoff und Verwendung koennen Lebensmittel-, Arzneimittel- oder Betaeubungsmittelrecht greifen.

Fuer Lebensmittel gilt in der EU zum Beispiel die Novel-Food-Verordnung: Wer neuartige Lebensmittel oder Zutaten in Verkehr bringen will, braucht in vielen Faellen eine Zulassung. Die EU-Kommission erklaert das Verfahren auf ihrer Seite zu neuartigen Lebensmitteln. Wer Strohblumen-Extrakt oder Lebermoos als Wundermittel angeboten bekommt, sollte deshalb sehr skeptisch sein.

Fuer CBD Blueten aus EU-Nutzhanf gelten eigene Regeln, die wir im Beitrag Sind CBD Blueten legal? zusammengefasst haben. Dieser Abschnitt ist eine allgemeine Einordnung mit Stand 2026 und keine Rechtsberatung.

Was das fuer deine CBD Blueten heisst

Fuer deine CBD Blueten aendern die Funde nichts. Hanf bleibt mit seinen mehr als hundert bekannten Cannabinoiden der unangefochtene Spezialist. Nur er liefert das typische Zusammenspiel aus Cannabinoiden, Terpenen und Flavonoiden, das Aroma und Charakter einer Sorte praegt. Mehr dazu liest du in unseren Beitraegen ueber seltene Cannabinoide und Flavonoide im Hanf.

Interessant ist der Blick auf das CBG. Dass ausgerechnet die Strohblume viel CBGA bildet, unterstreicht die zentrale Rolle dieser Vorstufe. Im Hanf wird CBGA waehrend der Reife weitgehend in andere Cannabinoide umgewandelt, weshalb CBG in den meisten Sorten nur in kleinen Mengen vorkommt. Welche Werte eine Bluete tatsaechlich enthaelt, verraet dir das Laborzertifikat. Wie du es liest, zeigt unser Ratgeber Laboranalyse lesen.

Bei uns findest du Sorten mit unterschiedlichen Profilen in der Kategorie CBD Blueten, dazu Harzprodukte unter CBD Hasch. Alle sind Aroma- und Sammlerprodukte aus EU-Nutzhanf mit Laboranalyse und nicht zum Verzehr bestimmt.

Haeufige Fragen zu Cannabinoiden ohne Hanf

Gibt es Pflanzen ausser Hanf, die Cannabinoide bilden?

Ja. Am besten belegt ist die suedafrikanische Strohblume Helichrysum umbraculigerum, in der Forschende mehr als 40 Cannabinoide gefunden haben, darunter CBGA und CBG. Dazu kommen die Suessholz-Art Glycyrrhiza foetida sowie Lebermoose der Gattung Radula mit chemisch eng verwandten Stoffen.

Enthaelt die Strohblume THC oder CBD?

Nach den bisherigen Untersuchungen nicht. Laut Weizmann-Institut sind sechs ihrer Cannabinoide mit Hanf-Cannabinoiden identisch, THC und CBD gehoeren nicht dazu. Die Strohblume bildet vor allem die Vorstufe CBGA.

Ist Perrottetinen dasselbe wie THC?

Nein. Es ist ein chemischer Verwandter mit anderem Seitenrest und raeumlich anders verknuepften Ringen. Forschende der Universitaet Bern stuften es 2018 als psychoaktiv ein. Lebermoos-Praeparate aus dem Internet solltest du deshalb meiden.

Ist Beta-Caryophyllen ein Cannabinoid?

Chemisch nicht, es ist ein Terpen. Weil es im Labor an den CB2-Rezeptor bindet, wird es in der Pharmakologie manchmal als Cannabinoid aus der Nahrung bezeichnet. Es kommt in Pfeffer, Oregano und Zimt vor und gehoert auch zu den Hauptbestandteilen des Hanf-Aromas.

Enthaelt Schokolade Cannabinoide?

Kakao enthaelt Abkoemmlinge von Fettsaeuren, die mit dem koerpereigenen Anandamid verwandt sind. Pflanzliche Cannabinoide im engeren Sinn sind das nicht, und laut Fachliteratur binden diese Stoffe nicht direkt an die Cannabinoid-Rezeptoren.

Warum bildet Hopfen keine Cannabinoide, obwohl er mit Hanf verwandt ist?

Weil Verwandtschaft nicht ueber den Stoffwechsel entscheidet. Hopfen setzt auf Bittersaeuren und Aromastoffe. Die Faehigkeit, Cannabinoide zu bilden, entstand dagegen in nicht verwandten Pflanzengruppen unabhaengig voneinander.

Kann man Cannabinoide kuenstlich herstellen?

Ja. Neben der chemischen Synthese gelingt das biotechnologisch, etwa mit gentechnisch veraenderter Hefe. 2019 produzierten Forschende in Kalifornien auf diese Weise unter anderem CBGA, THCA und CBDA aus Zucker.

Fallen solche Pflanzen unter das Cannabisgesetz?

Das Konsumcannabisgesetz definiert Cannabinoide als Inhaltsstoffe von Cannabis. Fuer andere Pflanzen gelten andere Vorschriften, etwa das Lebensmittel- oder das Arzneimittelrecht. Das ist eine allgemeine Information mit Stand 2026 und keine Rechtsberatung.

Fazit: Hanf hat Konkurrenz, aber keinen Ersatz

Die Natur ist erfinderischer als lange gedacht. Eine Strohblume aus Suedafrika und eine Suessholz-Art bilden echte Cannabinoide, Lebermoose und eine Alpenrose liefern enge Verwandte, und Pfeffer, Kakao oder Trueffel zeigen, wie viele Stoffe am Endocannabinoid-System andocken oder mit seinen Botenstoffen verwandt sind. Die Faehigkeit, Cannabinoide zu bilden, ist offenbar mehrfach unabhaengig entstanden.

Den Hanf ersetzt keiner dieser Funde. Er bleibt die vielseitigste und am besten untersuchte Quelle, und nur er liefert das typische Profil aus Cannabinoiden, Terpenen und Flavonoiden. Wer die Vielfalt dieser Pflanze entdecken moechte, findet sie in legalen, laborgeprueften Produkten aus EU-Nutzhanf und nicht in Lebermoos aus dem Internet.

Stand: 03.10.2026. Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information ueber Botanik und Chemie und enthaelt keine Heil- oder Wirkversprechen. Er ersetzt keine Rechts- oder Gesundheitsberatung. Experimentiere nicht mit Pflanzen wie Rhododendron oder Lebermoos, einige davon sind giftig. Unsere Produkte sind Aroma- und Sammlerprodukte und nicht zum Verzehr bestimmt.